Schöpfung und Vernunft bei Johannes Scottus Eriugena

Veröffentlicht am 5. April 2025 um 15:53

Johannes Scottus Eriugena (ca. 810–877) war ein irischer Gelehrter, dessen Werk 'De Divisione Naturae' ('Über die Einteilung der Natur') eines der originellsten philosophisch-theologischen Systeme des frühen Mittelalters darstellt. Eriugena verband christliche Theologie mit dem Neuplatonismus und versuchte, die gesamte Wirklichkeit durch Vernunft und Glauben zu erklären. 

Eriugenas Naturphilosophie 

Eriugena teilte die Natur in vier Kategorien ein: 

  1. Das, was schafft und nicht geschaffen ist (Gott).
  2. Das, was schafft und geschaffen ist (Engel, Seele).
  3. Das, was nicht schafft und geschaffen ist (die materielle Welt).
  4. Das, was nicht schafft und nicht geschaffen ist (Gott als Endziel).

In dieser Sichtweise ist Gott Ursprung und Ziel der gesamten Schöpfung. Für Eriugena ist die menschliche Vernunft ein Schlüssel, um die göttliche Ordnung zu erkennen, da sie ein Abbild der göttlichen Weisheit ist. Der Mensch kann durch intellektuelles Streben seine Einheit mit Gott wiederherstellen. 

Kritik und Gegenpositionen 

Eriugenas Ideen stießen auf Widerstand. Seine Betonung der Rationalität und seine Darstellung der Schöpfung als Rückkehr zu Gott wurden später als pantheistisch interpretiert. Vertreter einer konservativeren Theologie sahen in seinem Ansatz eine Gefahr für die Distanz zwischen Schöpfer und Geschöpf. 

Ein zentraler Kritikpunkt war seine Behauptung, dass die Vernunft über der Autorität kirchlicher Schriften stehen könne, da die Vernunft direkt von Gott gegeben sei. Spätere Scholastiker wie Thomas von Aquin lehnten diese Sichtweise ab und betonten die Rolle der göttlichen Offenbarung als primäre Quelle der Wahrheit. 

Nachwirkung und Bedeutung 

Trotz der Verurteilung seiner Lehren durch die Kirche im Jahr 1225 beeinflussten Eriugenas Ideen mittelalterliche Mystiker und neuzeitliche Philosophen wie Meister Eckhart und Hegel. Seine Werke zeigen die Komplexität der Beziehung zwischen Glauben und Vernunft und sind ein Zeugnis für die intellektuelle Lebendigkeit des frühen Mittelalters. 

Schlussbemerkung 

Johannes Scottus Eriugena bleibt ein faszinierender Denker, dessen Versuch, Theologie und Philosophie zu vereinen, bis heute fasziniert. Seine Betonung der Vernunft als göttliche Gabe ist ein frühes Beispiel für die Entwicklung eines rationalen Zugangs zu theologischen Fragen. 

 

Johannes Scottus Eriugena. (1996). De Divisione Naturae. In: E. Jeauneau (Hrsg.), Johannis Scotti Opera. Turnhout: Brepols. (Originalarbeit ca. 860–867) 

Flasch, K. (2000). Das philosophische Denken im Mittelalter. Stuttgart: Reclam. 

 

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