Ibn Rushd: Ein Denker, bekannt unter zwei Namen, wie viele zu seiner Zeit

Veröffentlicht am 5. April 2025 um 15:53

Wenn wir uns durch die Geschichte der Philosophie bewegen, stoßen wir immer wieder auf Denker mit zwei Namen: Ibn Sina, der als Avicenna bekannt wurde, oder Ibn Rushd, der in Europa unter dem Namen Averroes rezipiert wurde. Doch warum tragen einige der einflussreichsten Philosophen des Mittelalters gleich zwei Namen? Die Antwort liegt in der faszinierenden Geschichte der Übersetzung und des kulturellen Austauschs zwischen dem islamischen und dem christlichen Europa. 

Der Ursprung der zwei Namen

Im Mittelalter war die arabische Welt ein Zentrum des Wissens und der Wissenschaft. Hier wurden die Werke der griechischen Philosophen wie Aristoteles und Platon nicht nur bewahrt, sondern auch kommentiert und weiterentwickelt. Diese Schriften gelangten im Zuge der Übersetzungsbewegung des 12. und 13. Jahrhunderts nach Europa, insbesondere über Spanien und Sizilien. Dabei wurden auch die Namen der arabischen Gelehrten in die lateinische Sprache übertragen. 

Die Übersetzer – häufig jüdische oder christliche Gelehrte – versuchten, die arabischen Namen so anzupassen, dass sie für europäische Leser verständlicher und aussprechbarer wurden. Aus 'Ibn Rushd' wurde 'Averroes', aus 'Ibn Sina' wurde 'Avicenna'. Dabei spielten phonetische Annäherungen eine Rolle, aber auch der Versuch, die Namen in das europäische Schriftbild zu integrieren. 

Brücke zwischen den Kulturen 

Die doppelten Namen stehen symbolisch für die Verbindung zweier Welten: der islamischen und der christlichen. Gelehrte wie Averroes waren tief in der islamischen Tradition verwurzelt, aber durch die lateinischen Übersetzungen wurden sie zu Schlüsselfiguren der europäischen Scholastik. Averroes etwa wurde als 'Kommentator' von Aristoteles bekannt und prägte die mittelalterliche Philosophie in Europa erheblich. 

Die Bedeutung der Übersetzung 

Die Namenstransformation war Teil eines größeren Prozesses: der Übersetzung philosophischer und wissenschaftlicher Werke aus dem Arabischen ins Lateinische. Dieser Wissenstransfer trug maßgeblich dazu bei, die intellektuelle Entwicklung Europas zu beflügeln. Werke, die im ursprünglichen arabischen Kontext entstanden waren, fanden so Eingang in die christliche Denktradition. 

Mehr als nur Namen 

Die doppelten Namen laden uns ein, genauer hinzusehen. Sie erinnern daran, dass Philosophie und Wissenschaft immer auch ein Ergebnis des kulturellen Austauschs sind. Averroes und seine Zeitgenossen wären ohne die griechische Philosophie nicht denkbar gewesen – genauso wenig, wie die europäische Scholastik ohne die arabisch-islamische Vermittlung existiert hätte. 

Fazit 

Die Geschichte der Philosophie zeigt uns, wie Wissen Grenzen überwinden kann. Denker wie Ibn Rushd alias Averroes verkörpern diesen Geist der Zusammenarbeit und des kulturellen Dialogs. Ihre zwei Namen sind ein Zeugnis davon, dass Gedanken universell sind – unabhängig von Sprache, Kultur oder Religion. 

 

Rosenthal, Franz. (1975). The Classical Heritage in Islam. London: Routledge & Kegan Paul 

 

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