
Averroes, auch bekannt als Ibn Rushd (1126–1198), war ein herausragender islamischer Philosoph und Aristoteles-Kommentator. Sein Einfluss auf die mittelalterliche Philosophie war beträchtlich, insbesondere durch seine Schriften, die eine Brücke zwischen der antiken Philosophie und der mittelalterlichen Scholastik schlugen. Er lebte in Andalusien, einem Zentrum für Wissenschaft und Kultur, und versuchte, die Rationalität des griechischen Denkens mit den Lehren des Islam zu vereinen.
Sein und Intellekt: Die Philosophie von Averroes
Ein zentrales Thema in Averroes’ Werk ist die Frage nach dem 'Sein' und der Rolle des Intellekts. In seiner Schrift 'Tahafut al-Tahafut' ('Die Zerstörung der Zerstörung') verteidigt er die aristotelische Metaphysik gegen Al-Ghazali, einen prominenten Kritiker der Philosophie. Averroes argumentierte, dass der menschliche Intellekt eine universale Eigenschaft sei, die allen Menschen gemeinsam ist. Diese Idee, die oft als 'Einheitslehre des Intellekts' bezeichnet wird, besagt, dass es nur einen einzigen universalen Intellekt gibt, an dem alle individuellen Geister teilhaben.
Für Averroes war der Intellekt die höchste Form des Seins. Er unterschied zwischen dem 'aktiven Intellekt', der überindividuell und ewig ist, und dem 'passiven Intellekt', der den Menschen mit dem Universum verbindet. Diese Vorstellung war radikal, da sie die individuelle Seele relativierte und das menschliche Bewusstsein als Teil eines größeren, universalen Intellekts verstand.
Averroes und der Konflikt von Vernunft und Glaube
Ein weiterer zentraler Punkt in Averroes’ Philosophie war die Beziehung zwischen Vernunft und Glauben. In seinem Werk 'Fasl al-Maqal' ('Der entscheidende Diskurs') argumentierte er, dass es keinen Widerspruch zwischen religiösem Glauben und philosophischer Vernunft geben könne. Beide führten letztlich zur gleichen Wahrheit, jedoch auf unterschiedlichen Wegen. Für ihn war die Philosophie die höchste Form der Erkenntnis, während der Glaube eine symbolische und einfachere Darstellung der gleichen Wahrheiten bot, die durch die Vernunft entdeckt werden können.
Seine Haltung zur Vernunft brachte ihm jedoch Konflikte ein. Die Idee, dass die Philosophie unabhängige Wahrheiten über Gott und die Welt entdecken kann, wurde von orthodoxen Theologen als Bedrohung gesehen. Seine Schriften wurden in Teilen der islamischen Welt verboten, während sie im christlichen Europa großen Einfluss gewannen.
Kritiker: Al-Ghazali und die Theologie der Mystik
Einer der bekanntesten Kritiker von Averroes war Al-Ghazali (1058–1111), dessen Werk 'Tahafut al-Falasifa' ('Die Inkohärenz der Philosophen') die philosophische Methode grundsätzlich in Frage stellte. Al-Ghazali argumentierte, dass die Philosophie unfähig sei, die göttlichen Wahrheiten vollständig zu erfassen, und dass die mystische Erfahrung des Göttlichen Vorrang vor der rationalen Erkenntnis habe.
Al-Ghazalis Kritik zielte besonders auf Averroes’ Behauptung, dass Philosophie und Religion zu denselben Wahrheiten gelangen können. Für Al-Ghazali war dies ein gefährlicher Rationalismus, der die Offenbarung Gottes durch den Koran untergrub. Er betonte die Grenzen der menschlichen Vernunft und stellte die intuitive, mystische Erkenntnis als überlegen dar. Dieser Konflikt zwischen Rationalismus und Mystik prägt bis heute philosophische und theologische Debatten.
Einfluss und Vermächtnis
Averroes’ Ideen wurden nach seinem Tod in der islamischen Welt weitgehend verdrängt, erlebten jedoch in Europa eine Renaissance. Seine Schriften, übersetzt ins Lateinische, beeinflussten mittelalterliche Denker wie Thomas von Aquin und Siger von Brabant. Die Einheitslehre des Intellekts wurde in der scholastischen Philosophie kontrovers diskutiert und führte zu intensiven Debatten über das Verhältnis von Seele, Intellekt und göttlicher Vorsehung.
Sein Werk hat bis heute Bedeutung, da es eine frühe Form des Dialogs zwischen Kulturen und Religionen darstellt. Averroes zeigt, wie Philosophie Brücken zwischen unterschiedlichen Denksystemen schlagen kann, ohne dabei ihre eigene Integrität zu verlieren.
Averroes. (2007). Tahafut al-Tahafut (Die Zerstörung der Zerstörung). Übersetzt von Simon Van Den Bergh. Gibb Memorial Trust. (Originalarbeit ca. 1180 n. Chr.)
Al-Ghazali. (1997). Tahafut al-Falasifa (Die Inkohärenz der Philosophen). Übersetzt von Michael E. Marmura. Brigham Young University Press. (Originalarbeit ca. 1095 n. Chr.)
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