Duns Scotus: Der subtile Doktor und die Univozität des Seins

Veröffentlicht am 5. April 2025 um 15:53

Duns Scotus (1266–1308), bekannt als 'der subtile Doktor', ist eine der prägendsten Figuren der mittelalterlichen Scholastik. Er ist vor allem für seine präzise und tiefgründige Analyse metaphysischer und theologischer Fragen bekannt. Scotus hinterließ ein philosophisches System, das sowohl in seiner Zeit als auch später polarisiert hat, insbesondere wegen seines Konzepts der Univozität des Seins. 

Sein und Bewusstsein bei Duns Scotus 

Eine der zentralen Ideen von Duns Scotus ist die 'Univozität des Seins'. Während Thomas von Aquin den Begriff des Seins analog versteht – das heißt, er wird auf Gott und die Welt nur in ähnlicher Weise angewendet – argumentiert Scotus, dass der Begriff des Seins in einem einheitlichen Sinn verwendet werden kann. Für Scotus gibt es keinen qualitativen Unterschied zwischen göttlichem und weltlichem Sein, sondern nur Unterschiede in der Intensität oder Vollkommenheit des Seins. 

Dieses Konzept war revolutionär. Es führte dazu, dass die metaphysische Distanz zwischen Gott und der Schöpfung weniger absolut erschien. Indem Scotus das Sein auf diese Weise univoz definierte, schuf er die Grundlage für ein philosophisches Denken, das sich stärker auf die Welt und ihre Gesetzmäßigkeiten konzentriert. 

Scotus‘ Ansatz führte auch zu seiner berühmten Diskussion über die 'Individuation'. Er suchte eine präzise Erklärung, was ein Individuum einzigartig macht – das sogenannte 'haecceitas' (Diesheit). Für Scotus liegt die Einzigartigkeit eines Individuums in einer spezifischen Eigenschaft, die es von allen anderen unterscheidet. Diese Idee beeinflusste später die Entwicklung der Personalitätstheorie und die philosophische Anthropologie. 

Gegenpositionen und Kritik 

Die Ideen von Duns Scotus fanden nicht bei allen Gelehrten seiner Zeit Anklang. Insbesondere Anhänger von Thomas von Aquin lehnten die Univozität des Seins als zu vereinfachend ab. Für sie bedeutete die analoge Auffassung des Seins eine größere Ehrfurcht vor der göttlichen Transzendenz.  Ein weiterer Kritikpunkt war Scotus‘ stark rationalistischer Zugang. Während er tief religiös war und die Theologie in den Mittelpunkt stellte, wurden seine Analysen oft als übermäßig intellektualistisch empfunden. Kritiker warfen ihm vor, die mystischen und spirituellen Dimensionen des Glaubens zugunsten einer zu stark scholastisch geprägten Methode zu vernachlässigen. 

Einer der lautesten Kritiker von Scotus‘ Ideen war 'Giles von Rom', ein prominenter Vertreter der thomistischen Tradition. Er hielt die Idee der Univozität für problematisch, da sie seiner Ansicht nach die klare Grenze zwischen Gott und der Schöpfung verwischte. 

Bedeutung und Vermächtnis 

Trotz der Kontroversen beeinflusste Scotus‘ Denken die spätere Philosophie erheblich. Seine Analysen trugen dazu bei, die Scholastik von der Dominanz des thomistischen Denkens zu lösen und eröffneten neue Wege für die Reflexion über Metaphysik und Ontologie. Darüber hinaus ebnete seine Fokussierung auf die Individuation und die Univozität den Weg für Denker wie 'William von Ockham', der die Scholastik in Richtung eines stärker empirischen und modernen Ansatzes vorantrieb. 

Duns Scotus bleibt ein Denker, der die Balance zwischen Rationalität und Glauben auf einzigartige Weise gesucht hat. Sein Versuch, philosophische und theologische Fragestellungen mit mathematischer Präzision zu behandeln, sicherte ihm den Titel des 'subtilen Doktors'. 

 

Duns Scotus. (2002). Ordinatio. Kritische Edition. New York: Franciscan Institute. (Originalarbeit um 1300). 

Cross, Richard. (1999). Duns Scotus on God. Aldershot: Ashgate. 

Wolter, Allan B. (1986). The Philosophical Theology of John Duns Scotus. Ithaca: Cornell University Press. 

 

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